Gymnasium Bremervörde

„Seid frei im Geist und genießt Eure Jugend...!“

„Seid frei im Geiste und genießt Eure Jugend, ich habe sie durch den Krieg verloren! “ - Mit dieser Botschaft verabschiedete sich am Dienstag Michele Montagano, ein ehemaliger italienischer Häftling, der zur Zeit anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Strafgefangenenlagers in Bremervörde verweilt, von den Schülerinnen und Schülern des 10. und 11. Jahrganges des Gymnasiums Bremervörde nach einer 1 ½ stündigen Veranstaltung. Im Rahmen des Projektes „Zeitzeugen berichten“ der Fachschaft Geschichte unter der Leitung von Oberstudienrätin Gabriele Kranenberg besuchte er das Gymnasium Bremervörde, welches in Abständen immer wieder Zeitzeugen begrüßen darf.

Neumann-Montagano-HellwinkelNach einer kurzen Einführung von Dr. Lars Hellwinkel, dem pädagogischen Leiter der Gedenkstätte Sandbostel, über die historischen Hintergründe des Kriegsjahres 1943, die Genfer Konventionen, in der der Umgang mit Kriegsgefangenen geregelt war, berichtete Montagano auf italienisch über seine Erlebnisse, die Frau Laura Neumann aus Heinrichsdorf für die Zuhörer übersetzte.

„ Ich habe immer Nein zu den Deutschen gesagt!“.

Nachdem im Herbst 1943 Italien seinem ehemaligen Verbündeten Deutschland den Krieg erklärt hatte, wurden die italienischen Soldaten als Verräter verhaftet und und einzeln befragt, ob sie bereit wären, mit den Deutschen zu kollaborieren. In diesem Falle wären sie aus der Gefangenschaft entlassen worden.

So wurde auch Michele Montagano am 8. September 1943 zum ersten von mehreren Malen diese Frage gestellt. „Ich habe immer Nein zu den Deutschen gesagt!“Diese Haltung hat Michele Montagano während seiner gesamten Gefangenschaft 1943-1945, trotz der Versuche der Deutschen ihn durch Aushungern umzustimmen, in den verschiedenen Strafgefangenlagern des nationalsozialistischen Systems vertreten und ist bis heute stolz darauf. „Ich wollte meine eigene Ehre und meine Uniform nicht beschmutzen“.

Michele MontaganoMichele Montagano wurde daraufhin von Italien aus zunächst mit einem Gefangenentransport nach Polen, dann weiter in die Ukraine verschleppt und in einem Lager seiner zahlreichen weiteren Stationen traf er seinen Vater wieder, einen italienischen Faschisten, der sich für die Unterschrift unter dem Kollaborationsbericht entschieden hatte. Dennoch weigerte er sich als überzeugter Antifaschist, es seinem Vater gleichzutun und sagte ihm: „Ich mache mein Leben, und du deins!“ Der Vater durfte nach Italien zurückkehren und beim Abschied hatte Montagano das Gefühl, er werde ihn nie wiedersehen.

Mit Näherkommen der russischen Front im Winter 1943/44 wurde er wieder verlegt und kam über mehrere Stationen schließlich im Februar 1944 ins Kriegsgefangenenlager Sandbostel.

 

„Sandbostel war meine Universität“

Mit dieser Äußerung überraschte er die Schülerinnen und Schüler: „ An Sandbostel habe ich trotz aller Schwierigkeiten schöne Erinnerungen, ja auch wenn es unglaubwürdig klingt, ich empfinde eine gewisse Liebe für Sandbostel.“ Es sei das bisher kleinste Lager gewesen, in dem er inhaftiert gewesen sei, und er habe so viele Leute kennengelernt. Der Zusammenhalt unter den italienischen Häftlingen, unter denen sich viele gebildete Leute wie Professoren, Politiker, Philosophen, Chemiker, Elektrotechniker und sogar ein berühmter Komiker Italiens befanden, sei sehr groß gewesen. Da sie als Offiziere nicht gewohnt waren, körperlich zu arbeiten, hätten sie jede Gelegenheit genutzt, zu diskutieren. „Sandbostel war meine Universität und ich habe dort am meisten gelernt!“ so Montagano. Ihrem Offiziersstatus angemessen erhielten sie im Gegensatz zu den anderen Inhaftierten auch Vergünstigungen. So erinnert er sich an den Kommandanten Pingel, der ein sehr harter Offizier gewesen sei, jedoch vor ihrem Status Respekt hatte. So ermöglichte er ihnen Musikinstrumente zu spielen, zu malen und besorgte ihnen einen Ball zum Fußballspielen.

Aber neben diesen positiven Erinnerungen berichtete er den gebannt lauschenden Zuhörern auch von den schrecklichen Zählappellen, die zweimal am Tag z.T. stundenlang durchgeführt wurden, bei jedem Wetter stillstehen zu müssen, und von dem ständigen Hunger. Viele seien dabei geschwächt zusammengebrochen. Besonders schlimm wurde es für die Häftlinge, als ihnen Ende 1944 durch ein Gesetz von Mussolini der Offiziersstatus aberkannt wurde und sie nun wie Zivilisten ohne die bisherigen Vergünstigungen behandelt wurden:

„Ab da gab es nur noch Leid und Qualen.“

Von Sandbostel wurde er in ein Arbeitslager nach Wietzendorf in Polen verlegt. Dort habe er sein schlimmste Erlebnis gehabt. Weil die Italiener im Arbeitslager fünf Tage lang die Arbeit mit über der Brust verkreuzten Armen verweigerten, holte die Gestapo 21 Häftlinge aus ihren Reihen und drohten, dass sie diese nicht wiedersehen sollten. 44 Mithäftlinge, unter ihnen Montagano, traten hervor und boten sich an für diese zu sterben. „Ich hatte im Gegensatz zu diesen nichts zu verlieren, denn sie hatten Familien“. Sie wurden an eine Mauer gestellt und warteten auf die Erschießung. Mit Blut aus seinem aufgeritzten Finger habe er sich „Viva Italia“ auf die Brust geschrieben. Nach stundenlangen Warten wurde die Todesstrafe in lebenslange Haft umgewandelt.

Da sich die SS-Offiziere sprachlich mit den Häftlingen verschiedener Nationen nicht verständigen konnten, wurden sie ständig mit Stöcken bei der Arbeit geschlagen. Die hygienischen Verhältnis waren unbeschreiblich („wir hatten Hände voller Läuse“), viele Krankheiten herrschten und nur die Stärksten ergatterten sich noch das viel zu geringe Essen, die Schwächeren konnten nur noch die Reste aus den Schüsseln lecken.

Nach dem Bombardement der Baracken durch die US-Armee wurde er schließlich nach Bergen-Belsen verlegt, wo er dann im April 1945 befreit wurde. Dennoch dauerte es noch sechs weitere Monate, bis er nach Italien zurückkehren konnte.

Nach 20 Jahren habe er erstmals wieder deutschen Boden betreten und Bergen-Belsen besucht. Er habe gute Freundschaften schließen können und trotz allem schätze er die deutsche Bevölkerung sehr und hege keinerlei Groll gegen sie. „Die Deutschen sind tolle Menschen!“

„Es ist etwas anderes, ob man darüber in einem Buch liest oder ob man jemanden persönlich darüber sprechen hört.“ (Eindruck einer Schülerin)

SchuelerInnenIm Anschluss an seinen Bericht beantwortete er noch viele interessierte Fragen der Schülerinnen und Schüler.

So antwortete er auf die Frage, ob es habe lange gedauert habe, bis er sich wieder an ein normales Leben gewöhnt habe. Er habe noch eine Zeitlang auf dem Boden geschlafen, da nicht in einem Bett habe schlafen können.

Zu seinem Vater habe er ein gutes Verhältnis gehabt, als er ihn in Italien wiedertraf: „Ich war froh, dass er lebt. Die Politik hatte uns getrennt, jetzt aber waren wir wieder Vater und Sohn.“

Die Frage, ob er eine Familie gegründet habe, beantwortete er mit einem verschmitzten Lächeln: „Ich liebe die Frauen und habe die 2 Jahre Gefangenschaft diesbezüglich ausgiebig nachgeholt.“

Die Entschädigung, die er für seine Zwangsarbeit erhalten habe, habe er nicht haben wollen und sie deshalb für Stipendien gestiftet.

In Italien habe er nie über seine Gefangenschaft gesprochen, weil die erlebten Gräuel keiner geglaubt hätte. Erst als der Historiker Gerhard Schreiber sein Buch über die italienischen Militärinternierten mit dem Titel „Verraten, verachtet und vergessen“ 1990 veröffentlichte, hätten viele ihre Stimme erhoben. Montagano selbst habe vor fast 30 Jahren angefangen, in Schulen von seinen Erlebnissen zu berichten.

Sein Wunsch an die Schülerinnen und Schüler auf die Frage , was er der jungen Generation sagen wolle: „ Wir haben Nein gesagt zu Deutschland, und das ist es, was man über uns erzählen soll. Das bedeutet moralische Integrität. Deshalb soll man sich an uns erinnern, nicht wegen dem Leid. Seid frei im Geiste!“

 

Gabriele Kranenberg